Macht es Sinn, 100% remote in den Beruf des Product Owners / Produktmanagers zu starten?

Vor einigen Tagen schrieb mir ein Kandidat aus meinem Netzwerk. Ein sympathischer und reflektierter junger Mann mit mehreren Jahren Erfahrung im E-Commerce und einer Reihe von Scrum-Zertifizierungen. Sein Ziel ist klar: Er möchte den nächsten Schritt gehen und als Product Owner in die professionelle Produktentwicklung einsteigen.

Was mir an seiner Nachricht gut gefallen hat: Er hat sich intensiv mit der Rolle beschäftigt, bringt ein solides Fundament aus Business, Prozessen und Technologie mit und wirkt sehr motiviert, den Beruf des Product Owners von der Pike auf zu lernen.

Gleichzeitig formulierte er einen Wunsch, den ich in den letzten Jahren immer häufiger höre: Die neue Rolle sollte möglichst zu 100 % remote ausgeübt werden.

Ich kann diesen Wunsch gut nachvollziehen. Remote Work bietet ohne Zweifel viele Vorteile. Mehr Flexibilität, weniger Pendelzeit, größere Freiheit bei der Wahl des Wohnortes und oft auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Für viele erfahrene Produktmanager funktioniert dieses Modell auch gut. Gerade, wenn sie ohnehin mit verteilten Teams oder global agieren.

Trotzdem habe ich bei Berufseinsteigern und Quereinsteigern ein komisches Gefühl im Bauch, wenn der Wunsch nach vollständiger Remote-Arbeit sehr früh und sehr konsequent formuliert wird.

Der Grund dafür liegt in der Natur des Berufs Produktmanager / Product Owner.

Denn Product Owner und Produktmanager bewegen sich in einem komplexen Spannungsfeld. Sie priorisieren Anforderungen, moderieren unterschiedliche Interessen, treffen Entscheidungen unter Unsicherheit und übernehmen Verantwortung für Produkte, die für Unternehmen oft strategisch wichtig sind. Sie arbeiten an der Schnittstelle zwischen Kunden, Stakeholdern, Entwicklung, Vertrieb und Management. Genau diese Vielseitigkeit und Verantwortung macht den Beruf für viele so attraktiv. Zugleich ist es aber auch ein Beruf, den man nur begrenzt aus Büchern, Kursen oder Zertifikaten lernen kann.

Die entscheidenden Fähigkeiten entstehen in der Praxis.

Man lernt, wie erfahrene Kollegen schwierige Stakeholder-Gespräche führen. Man beobachtet, wie Konflikte zwischen Fachbereichen gelöst werden. Man hört zu, wenn ein Senior Product Owner erklärt, warum eine fachlich gute Idee trotzdem nicht umgesetzt wird. Man entwickelt ein Gespür für Zwischentöne, politische Dynamiken und unausgesprochene Erwartungen.

Viele dieser Lernmomente entstehen nicht in offiziellen Meetings oder in strukturierten Trainings, sondern im direkten Austausch mit anderen. Zwischen zwei Terminen. Beim gemeinsamen Mittagessen. In einem kurzen Gespräch am Whiteboard. Oder indem man einem erfahrenen Kollegen einfach einmal über die Schulter schaut, oder zuhört, wie er ein schwieriges Problem im Dialog behandelt.

Genau deshalb empfehle ich Quereinsteigern und jungen Product Ownern, den Beruf zumindest in der Anfangsphase nicht ausschließlich aus dem Homeoffice – oder der Workation in Übersee 😉 – heraus zu erlernen.

Natürlich kann auch Remote-Arbeit sehr gut funktionieren, wenn Unternehmen über exzellente Onboarding-Prozesse, klare Kommunikationsstrukturen und engagierte Mentoren verfügen. Die Realität sieht jedoch häufig anders aus. Viele Teams arbeiten unter hoher Auslastung, Mentoring erfolgt eher nebenbei und gerade neue Mitarbeiter müssen sich aktiv ein Netzwerk aufbauen, um im Unternehmen wirksam zu werden.

Aus meiner Sicht ist das in Präsenz deutlich einfacher.

Auch aus Sicht der Arbeitgeber ist der Wunsch nach 100 % Remote bei einem Quereinsteiger nicht immer unproblematisch. Wenn ein Unternehmen einem Kandidaten eine Chance gibt, der die Rolle noch nicht operativ ausgeübt hat, investiert es bewusst in dessen Entwicklung. Es stellt erfahrene Kollegen als Sparringspartner zur Verfügung, nimmt sich Zeit für Einarbeitung und akzeptiert, dass die Produktivität anfangs naturgemäß noch nicht auf vollem Niveau liegt.

Da ist es nachvollziehbar, wenn Unternehmen erwarten, dass ein neuer Mitarbeiter auch räumlich und persönlich nah genug ist, um diesen Lernprozess bestmöglich zu unterstützen.

Ein weiterer Punkt, den man zumindest diskutieren darf, betrifft die emotionale Bindung an ein Unternehmen. 100 % Remote ist keineswegs ein Zeichen mangelnder Loyalität. Gleichzeitig stellt sich aus Sicht mancher Arbeitgeber die Frage, wie stark ein Kandidat bereit ist, sich auf das Unternehmen, die Kultur und die Menschen wirklich einzulassen, wenn von Beginn an maximale Distanz gewünscht wird. Wie das wirkt sollte jede:r mal selbst reflektieren, der nach einer Festanstellung fully-remote verlangt.

Vielleicht bin ich in dieser Frage etwas konservativ. Aber ich glaube, dass Karrierephasen unterschiedliche Prioritäten haben.

In den ersten Berufsjahren und im Onboarding sollte der Fokus aus meiner Sicht vor allem auf Lernen, Netzwerkaufbau und fachlicher Entwicklung liegen. Wer in dieser Phase bewusst Nähe zu erfahrenen Kollegen sucht, legt ein tragfähiges Fundament für die kommenden Jahre seiner Karriere.

Sobald man die Rolle sicher beherrscht, ein belastbares Netzwerk aufgebaut hat und in seinem beruflichen Urteilsvermögen gefestigt ist, spricht aus meiner Sicht nur sehr wenig gegen einen hohen oder sogar vollständigen Remote-Anteil.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie schnell komme ich auf 100 % Remote?“

Die spannendere Frage ist: „In welchem Umfeld lerne ich am schnellsten, ein exzellenter Product Owner zu werden?“

Mich interessiert Deine Meinung.

Sollten Berufsanfänger und Quereinsteiger im Produktmanagement oder als Product Owner bewusst stärker in Präsenz arbeiten, um schneller zu lernen? Oder ist 100 % Remote heute auch in dieser Phase völlig unproblematisch, sofern das Unternehmen ein gutes Mentoring sicherstellt?

Ich freue mich auf Deine Erfahrungen und Einschätzungen in den Kommentaren.

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Ich bin Jürgen Bühler, Dein Personalberater speziell für das Themenfeld Produktmanagement. Hier teile ich Content rund um diesen schönen Beruf, zu Erfolgsmethoden, Trainings, Weiterbildung und natürlich Karrierechancen.

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